Boom des Mikrofinanzsektors
Als der bangladeschische Wirtschaftsprofessor Muhammad Yunus und seine Grameen Bank 2006 für die Idee der Mikrokredite mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, war dies der Anstoß zu einem bis heute anhaltenden Boom.
Im Kern umfasst die Mikrofinanz Kleinstkredite für arme Personen, um deren einkommenssteigernde Tätigkeiten zu fördern. Ziel ist es, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung „von unten“ zu fördern – Hilfe zur Selbsthilfe also. Menschen gründen ihre eigenen kleinen Unternehmen, erhöhen ihre Einkommen und können sich einen Weg aus der Armut bahnen - sagt zumindest die Theorie.
Zur Wirkung von Mikrofinanzkrediten
In der Diskussion um das Mikrofinanzwesen stellt sich aber auch immer wieder die Frage, ob Mikrokredite ausreichen, um Armut auf breiter Front zu bekämpfen. Umfassende Forschungsergebnisse fehlen bislang. Richard Rosenberg von CGAP (Consultative Group to Assist the Poor) beschreibt den Forschungsstand wie folgt: „For now, it seems an honest summary of the evidence to say that we simply do not know yet whether microcredit or other forms of microfinance are helping to lift millions out of poverty.” Sicher ist jedoch, dass der Zugang zu Finanzdienstleistungen für ärmere Menschen eine wichtige Rolle spielt, auch wenn noch unklar ist, welche konkreten Leistungen am effektivsten sind. „Whether or not financial services lift people out of poverty, they are vital tools in helping them to cope with poverty.“
Das Grundproblem liegt oftmals nicht im geringen Einkommen, sondern in der Unsicherheit und Unregelmäßigkeit der Einkommenssituation. Das Leihen kann dem zwar kurzfristig entgegenwirken, viel wichtiger aber ist die Möglichkeit, durch Sparen für Eventualitäten vorsorgen zu können.
Warum Mikrosparkonten?
Viele von Armut betroffene Menschen haben aufgrund räumlicher Distanz, Analphabetismus oder zu niedrigen Spareinlagen für eine Kontoeröffnung meist nicht die Möglichkeit, ihr Geld auf formellen Konten zu veranlagen. Dies führt zu alternativen, informellen Arten des Sparens, wie die Investition in materielle Güter (wie Schmuck oder Tiere). Durch den Verkauf können diese Güter wieder zu Geld gemacht werden. Diese Sparform ist jedoch, um auf die Unsicherheit zurückzukommen, problematisch: Einerseits vermindert sich im Laufe der Zeit der Wert der Güter, andererseits kann es zu einem totalen Wertverlust kommen, wenn eines der Tiere stirbt oder Schmuck gestohlen wird.
Menschen, die unter Einkommensarmut leiden, sollten zu allererst die Möglichkeit haben, das Geld, das ihnen bleibt, absichern zu können. So wird es nicht gleich ausgegeben oder in materielle Güter investiert. Dies würde bedeuten, dass Mikrosparen eine höhere Priorität einnimmt als die Vergabe von Mikrokrediten.
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zu den Auswirkungen von Mikrofinanzsystemen auf die Armutsbekämpfung liefern interessante Ergebnisse. Demnach sind positive Effekte des Mikrosparens - im Gegensatz zu Mikrokrediten - eindeutig feststellbar. Rosenberg fasst zusammen: „Interestingly, the only RCT [randomized controlled trials] study of microfinance so far that found short-term welfare improvements looked at microsavings, not microcredit.”
Schwierigkeiten
Trotzdem bieten – laut einem Bericht im Magazin enorm 2/2010 – derzeit nur ein Viertel der Mikrokreditbanken weltweit auch Sparkonten an. Dies hängt damit zusammen, dass Mikrosparkonten, die niedrige Spareinlagen ermöglichen, mit höherem Aufwand verbunden sind als herkömmliche Formen der Mikrofinanzierung. So benötigt es beispielsweise Bankangestellte für die Kontenverwaltung. Mikrofinanzinstitute schrecken vor dem hohen administrativen Aufwand zurück, der in keinem Verhältnis zu den niedrigen Spareinlagen steht. Mikrosparangebote decken somit nicht einmal die entstehenden Kosten.
Förderung von Mikrosparen
Ob Mikrosparen in Zukunft vermehrt aufgegriffen wird, bleibt abzuwarten. Die Bill Gates-Stiftung beispielsweise fördert mittlerweile ausschließlich Mikrofinanzprojekte, die sich auf das Sparen konzentrieren. Konrad Ellsässer, Chef der Mikrofinanzgruppe Fides, resümiert im Interview mit dem Magazin enorm: „Am wichtigsten ist die Ersparnisbildung. Dann kommen Versicherungen, dann die Möglichkeit, Überweisungen zu tätigen und dann erst Kredite. Es ist wichtig, das als Gesamtpaket zu sehen.“
