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Fruchtbare Böden, Bestäubung, sauberes Wasser: Intakte Ökosysteme sind die stille Grundlage fast jeder Wertschöpfung. Doch genau diese Grundlage schwindet. Seit 1970 sind die weltweiten Wirbeltierbestände im Schnitt um 73 Prozent zurückgegangen1, sieben von neun planetaren Grenzen gelten als überschritten2. Was lange als reines Umweltthema galt, ist damit zu einem wirtschaftlichen geworden: Das World Economic Forum führt den Verlust von Biodiversität inzwischen als zweitgrößtes globales Risiko für die Weltwirtschaft.3 Für Unternehmen stellt sich deshalb nicht mehr die Frage, ob sie betroffen sind sondern wo.
Der Rückgang der Biodiversität hat konkrete Ursachen. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES nennt fünf direkte Treiber: die Veränderung der Landnutzung, die Übernutzung von Ressourcen, den Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten. Für Unternehmen sind das keine abstrakten Umweltfaktoren, sondern Einflussgrößen, die direkt auf Lieferketten, Rohstoffverfügbarkeit und Kosten wirken. Wenn Böden ihre Fruchtbarkeit verlieren, Wasser knapp wird oder Bestäuber ausbleiben, trifft das Produktion und Beschaffung unmittelbar. Biodiversität ist also auch ein Risikothema und zunehmend ein strategisches Managementthema.
Viele denken bei Biodiversität zuerst an Land- oder Forstwirtschaft. Tatsächlich nutzt aber nahezu jedes Unternehmen die Biodiversität direkt oder indirekt über natürliche Ressourcen wie Rohstoffe, Wasser, Energie, Flächen und globale Lieferketten. Der Nutzen, sich früh damit zu befassen, zeigt sich auf vier Ebenen:
• Unternehmen erfüllen regulatorische Anforderungen, bevor sie unter Druck geraten.
• Sie machen ihre Lieferketten resilienter, indem sie ökologische und standortbedingte Risiken früh bewerten.
• Sie stärken das Vertrauen von Investor:innen, Banken und Kund*innen, die Naturdaten zunehmend aktiv abfragen.
• Und sie sichern langfristig ihre Wertschöpfung, weil Ökosystemleistungen wie Bestäubung, Wasser und Bodenfruchtbarkeit deren Grundlage bleiben.
Parallel verdichtet sich der rechtliche Rahmen. Über die CSRD und den Standard ESRS E4 müssen berichtspflichtige Unternehmen offenlegen, welche Auswirkungen, Risiken und Chancen sie im Bereich Biodiversität haben und wie sie damit umgehen, sofern das Thema für sie wesentlich ist. Der internationale Standard GRI 101 Biodiversity gilt seit Januar 2026 und ist für Unternehmen, die nach den GRI-Standards berichten, verbindlich anzuwenden, sofern Biodiversität für sie wesentlich ist; er rückt die gesamte Wertschöpfungskette in den Fokus. Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) verlangt Sorgfaltspflichten für entwaldungsrelevante Rohstoffe, und für kleinere Betriebe bietet der freiwillige VSME-Standard einen vereinfachten Einstieg. Zwar hat das Omnibus-Paket den Kreis verpflichtender Unternehmen zuletzt spürbar verkleinert und stärker auf große Unternehmen zugeschnitten. Das entlastet kleinere Betriebe jedoch nur auf den ersten Blick: Große, berichtspflichtige Kunden geben ihre Datenanforderungen entlang der Lieferkette weiter. Wer heute nicht selbst berichtspflichtig ist, wird die entsprechenden Fragen von Banken, Investor*innen und Geschäftspartnern dennoch beantworten müssen.
Die gute Nachricht: Niemand muss alles auf einmal lösen. Biodiversität strategisch zu verankern folgt meist einem wiederkehrenden, iterativen Muster - nur das Tempo unterscheidet sich je nach Reifegrad des Unternehmens.
Sechs Schritte haben sich als roter Faden bewährt:
1. Wesentlichkeit & Berichtspflicht.
Zuerst wird geklärt, ob Biodiversität ein wesentliches Thema ist – aus einer Berichtspflicht heraus oder aus eigenem Antrieb. Diese Einordnung bestimmt Tiefe und Tempo der weiteren Schritte.
2. Management-Commitment.
Ohne Rückhalt der Führung bleibt das Thema folgenlos. Es braucht ein klares Signal, das Biodiversität als strategisches Thema behandelt und nicht als Randnotiz im Nachhaltigkeitsbericht.
3. Baseline erstellen.
Anschließend werden die zentralen Abhängigkeiten und Auswirkungen entlang der eigenen Standorte und Lieferketten erfasst – das Gesamtbild, auf dem alles Weitere aufbaut.
4. Hotspots priorisieren.
Daraus lassen sich die kritischen Punkte herausfiltern: jene Standorte, sensiblen Gebiete und Rohstoffe, an denen die größten Risiken liegen und der Einsatz zuerst lohnt.
5. Ziele setzen.
Erst auf dieser Grundlage werden konkrete, messbare Ziele definiert – orientiert an wissenschaftsbasierten Rahmenwerken wie SBTN.
6. Maßnahmen umsetzen.
Zuletzt folgen die Maßnahmen, die den Biodiversitätsdruck senken und naturpositive Programme anstoßen. Der Ablauf ist dabei kein starres Schema, sondern iterativ: Erkenntnisse aus späteren Schritten fließen zurück in frühere und schärfen die Strategie mit jeder Runde.
Der Einstieg beginnt selten bei null. In den meisten Unternehmen gibt es bereits Prozesse, an die sich anknüpfen lässt: Wer einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt, eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse durchlaufen oder Risiken im Enterprise-Risk-Management bewertet hat, bringt wertvolle Vorarbeit mit. Solche Strukturen liefern den Rahmen, in den sich Biodiversität einordnen lässt, ohne dass ein völlig neuer Prozess nötig ist. Ähnliches gilt für die Datenlage: Häufig ist mehr vorhanden als gedacht, es muss nur mit der richtigen Frage gelesen werden. Besonders aufschlussreich sind Standortdaten – schon Koordinaten genügen, um zu prüfen, ob ein Betrieb in einem Wassereinzugsgebiet oder nahe einem Schutzgebiet liegt. Ökobilanz- und Lieferkettendaten wiederum zeigen, welche Rohstoffe und Herkunftsländer den größten Druck auf die Natur ausüben. Ergänzt um Angaben etwa zu Wasserverbrauch oder Materialflüssen entsteht daraus oft schon eine belastbare erste Baseline – ohne aufwendige Neuerhebung.
Biodiversität ist vom Rand- zum Kernthema unternehmerischer Verantwortung. Sie betrifft jedes Unternehmen, das Rohstoffe, Flächen, Wasser oder Lieferketten nutzt, und sie rückt durch CSRD, GRI 101 und EUDR immer weiter in den Pflichtbereich. Entscheidend ist, den Einstieg nicht aufzuschieben: Wer Standorte erfasst, die Lieferkette scannt und Biodiversität in die Wesentlichkeitsanalyse aufnimmt, deckt Datenlücken auf und versteht seine Abhängigkeiten, bevor Zeitdruck entsteht. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Ihr Unternehmen mit Biodiversität zu tun hat – sondern ob Sie wissen, wo es heute steht. Wer sie früh beantwortet, verschafft sich Handlungsspielraum, Resilienz und Glaubwürdigkeit.
Marena Dworschak ist Consultant bei unfold consulting mit den Schwerpunkten Ökobilanzen, Unternehmensklimabilanzen, Ecodesign und Biodiversitätsstrategie. Sie begleitet Unternehmen dabei, Biodiversitätsthemen praxisnah und wissenschaftsbasiert in ihre Strategie zu integrieren – vom ersten Einstieg bis zur Umsetzung.
unfold consulting ist eine Nachhaltigkeitsberatung mit Sitz in Wien. Wir unterstützen Unternehmen dabei, Nachhaltigkeit strategisch zu verankern – mit Fokus auf Klima, Biodiversität und Kreislaufwirtschaft. Als gelistete Beraterinnen im Programm „BiodiversitätsFit!“ begleiten wir mit Wesentlichkeitsanalysen, Workshops und Biodiversitätsstrategien.
Website: unfold consulting | Nachhaltigkeit. Strategie. Analyse.
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