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Wissenschaftlich geführte Zoos sind im 21. Jahrhundert nur dann artenschutzfachlich legitimierbar, wenn sie deutlich mehr leisten als die Haltung und Präsentation von Tieren. Sie müssen bedrohte Arten wissenschaftlich managen, genetisch stabile Reservepopulationen aufbauen, Wiederansiedelungen unterstützen, Forschung betreiben und Besucherinnen und Besucher für Biodiversität sensibilisieren. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Alpenzoo Innsbruck.
Als spezialisierter Zoo widmet sich der Alpenzoo der Tierwelt des Alpenraums und damit einem Lebensraum, der besonders sensibel auf ökologische Veränderungen reagiert. Der Zoo ist Knotenpunkt für Artenschutz, Forschung, Umweltbildung und internationale Zusammenarbeit. Sichtbar wird diese Rolle unter anderem in Projekten zur Bayerischen Kurzohrmaus, bei den Artenschutzprogrammen für Bartgeier, Waldrapp und Wisent, in europäischen Erhaltungszuchtprogrammen sowie in Forschung und Zoopädagogik.
Die gesellschaftliche Diskussion über Zoos ist in den vergangenen Jahren intensiver geworden. Kritische Fragen nach Tierhaltung, Tierwohl und dem Sinn zoologischer Einrichtungen zwingen Zoos dazu, ihre Rolle klar zu definieren und ihre Arbeit messbar zu machen. Moderne wissenschaftlich geführte Zoos verstehen sich daher nicht mehr als reine Ausstellungsorte, sondern als Einrichtungen für Artenschutz, Forschung, Bildung und Bewusstseinsbildung.
Dabei ergänzen sich zwei Ansätze: der Ex-situ-Artenschutz außerhalb des ursprünglichen Lebensraums und der In-situ-Artenschutz im natürlichen Lebensraum. Erfolgreicher Artenschutz braucht beides: stabile Reservepopulationen in menschlicher Obhut und funktionierende Lebensräume in der Natur. Ex-situ-Programme sind daher kein Ersatz, sondern eine Ergänzung des Lebensraumschutzes.
Artenschutz in modernen Zoos funktioniert heute vor allem über internationale Netzwerke. Eine zentrale Rolle spielt die EAZA (European Association of Zoos and Aquaria). Innerhalb dieses Netzwerks koordinieren die Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP) die Haltung und Zucht bedrohter Arten mit dem Ziel, genetisch vielfältige und langfristig stabile Populationen aufzubauen.
Von besonderer Bedeutung ist auch die IUCN (International Union for Conservation of Nature). Sie erstellt die Rote Liste gefährdeter Arten und entwickelt internationale Leitlinien für Artenschutz und Wiederansiedlungen. Seit 2024 beherbergt der Alpenzoo gemeinsam mit der IUCN Species Survival Commission das erste IUCN Center for Species Survival Österreichs und zugleich das erste Zentrum dieser Art mit Schwerpunkt Kleinsäuger. Seit 2025 ist der Alpenzoo zudem offizielles IUCN-Mitglied. Damit ist er noch stärker in internationale Naturschutznetzwerke eingebunden.
Der Alpenzoo zeigt rund 2.500 Tiere aus etwa 150 Arten des Alpenraums. Diese Spezialisierung schafft einen klaren Bildungs- und Artenschutzauftrag: Besucherinnen und Besucher begegnen Arten, die mit der eigenen Region und konkreten ökologischen Herausforderungen verbunden sind. Der Alpenraum ist geprägt von Tourismus, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Verkehrsinfrastruktur und Klimawandel. Viele Arten reagieren empfindlich auf Veränderungen ihrer Lebensräume. Feuchtgebiete verschwinden, Gewässer werden verbaut und Lebensräume verschieben sich durch steigende Temperaturen in höhere Lagen. Der Alpenzoo macht diese Entwicklungen sichtbar und übersetzt sie in konkrete Bildungs- und Schutzarbeit.
Zu den zentralen Aufgaben gehören die Beteiligung an EEPs, Wiederansiedelungsprojekte, die Wildtierauffangstation, Forschung, Kooperationen mit Behörden und Naturschutzorganisationen sowie die Zoopädagogik.
Ein besonders aktuelles Projekt betrifft die Bayerische Kurzohrmaus. Die Kleinsäugerart galt in Bayern jahrzehntelang als verschollen und wurde erst 2023 wieder nachgewiesen. Aufgrund ihres sehr kleinen bekannten Verbreitungsgebiets und der geringen Populationsgröße gilt sie als akut bedroht. Gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Umwelt und weiteren Partnern verbindet der Alpenzoo In-situ-Monitoring, Habitatmanagement, Ex-situ-Nachzucht, genetische Absicherung und Öffentlichkeitsarbeit. Die Nachzucht erfolgt inzwischen in einem internationalen Zooverbund.
Das Projekt zeigt, dass glaubwürdiger Artenschutz nicht nur charismatische Großtiere umfasst. Auch wenig bekannte Arten sind wichtige Bestandteile funktionierender Ökosysteme und verdienen gezielte Schutzmaßnahmen.
Der Bartgeier gilt als eine der erfolgreichsten Wiederansiedelungsgeschichten Europas. Seit 1973 züchtet der Alpenzoo Bartgeier, mehr als 30 Jungvögel aus Innsbruck haben zur Rückkehr der Art in die Alpen beigetragen. Das Projekt zeigt, wie Ex-situ-Zucht, wissenschaftliches Management, internationale Kooperation und Lebensraumschutz erfolgreich zusammenspielen können. Auch beim Waldrapp übernimmt der Alpenzoo eine wichtige Rolle. Seit 1988 koordiniert er das Europäische Erhaltungszuchtprogramm der Art. Das Projekt verdeutlicht, wie komplex Wiederansiedelungen sein können und wie eng Forschung, Bildungsarbeit und internationale Zusammenarbeit miteinander verbunden sind.
Ein weiteres Beispiel ist der Wisent. Die Art überlebte im 20. Jahrhundert nur durch Tiere in menschlicher Obhut. Anfang 2026 beteiligte sich der Alpenzoo mit dem Wisent „Ina“ an einem Wiederansiedelungsprojekt im Shahdagh-Nationalpark in Aserbaidschan. Solche Initiativen zeigen, dass Zoos nicht nur regional wirken, sondern Teil internationaler Artenschutzprogramme sind. Gleichzeitig verdeutlichen sie, dass Artenschutz nicht nur einzelne Arten betrifft, sondern ganze Ökosysteme.
Artenschutz braucht belastbare Daten. Moderne Zoos leisten hier einen wichtigen Beitrag, weil sie Verhalten, Fortpflanzung, Gesundheit und Genetik von Tierarten über lange Zeiträume beobachten können. Der Alpenzoo betreibt seit Jahrzehnten Forschung und Lehre, unterstützt wissenschaftliche Arbeiten und stellt Wissen für Natur-, Arten- und Tierschutz bereit. Forschung hilft dabei, Haltungsbedingungen zu verbessern, Zuchterfolge zu erhöhen und Wiederansiedelungen besser vorzubereiten.
Ebenso wichtig ist das Monitoring im Freiland. Nur wenn bekannt ist, wie sich Populationen entwickeln und welche Gefahren bestehen, können Schutzmaßnahmen angepasst und langfristig erfolgreich gestaltet werden.
Ein weiterer zentraler Beitrag moderner Zoos liegt in der Bildung. Seit 1984 verfügt der Alpenzoo über eine Zoopädagogische Abteilung. Sie vermittelt Wissen über Tiere, Lebensräume und ökologische Zusammenhänge und zeigt Handlungsmöglichkeiten für den Alltag auf. Besonders wirkungsvoll ist diese Bildungsarbeit, weil viele gezeigte Arten aus der unmittelbaren Umgebung stammen. Besucherinnen und Besucher erkennen, dass Artenschutz nicht nur Regenwälder oder Korallenriffe betrifft, sondern auch die Alpen, heimische Wälder, Bäche und Wiesen.
Für Unternehmen und Organisationen ist dieser Aspekt ebenfalls relevant. Nachhaltigkeit umfasst nicht nur CO₂-Bilanzen und Energieeffizienz, sondern auch Verantwortung für Biodiversität, Flächennutzung, Lieferketten und regionale Lebensräume. Zoos können dabei Brücken zwischen Wissenschaft, Naturschutz, Wirtschaft und Öffentlichkeit schlagen.
Die Rolle moderner Zoos im Artenschutz ist essenziell, wenn sie wissenschaftlich fundiert, transparent und verantwortungsvoll wahrgenommen wird. Zoos leisten dort einen relevanten Beitrag, wo sie bedrohte Arten gezielt erhalten, Ex-situ- und In-situ-Maßnahmen verbinden sowie Forschung, Monitoring und Bildung ernst nehmen.
Der Alpenzoo Innsbruck erfüllt viele dieser Kriterien. Mit dem IUCN Center for Species Survival für Kleinsäuger, dem Projekt zur Bayerischen Kurzohrmaus, der jahrzehntelangen Erfahrung bei Bartgeier und Waldrapp, der Beteiligung an Wisent-Wiederansiedelungen, der Forschung, Zoopädagogik und Wildtierauffangstation zeigt er, wie ein moderner Zoo vom Ausflugsort zum Artenschutzakteur werden kann.
Für die Zukunft sollten Zoos nicht primär nach Besucherzahlen oder Tierlisten bewertet werden, sondern nach ihrem messbaren Beitrag zu Artenschutz, Bildung, Forschung und Tierwohl. Der Alpenzoo Innsbruck versteht Artenschutz nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Kernauftrag – und zeigt, wie moderne Zoos Verantwortung für Arten, Lebensräume und die Gesellschaft übernehmen können.
Magnus Klammer ist Zoopädagoge und Nachhaltigkeitsbeauftragter im Alpenzoo Innsbruck.
Der Alpenzoo ist ein gemeinnütziger Verein, der die jährlichen Betriebsmittel (mit Unterstützung der Stadt Innsbruck und des Landes Tirol) überwiegend selbst erwirtschaftet. Die „Freunde des Alpenzoo“ als Förderverein, Sponsoren, Tierpaten und Spender tragen ebenfalls zur wirtschaftlichen Absicherung bei. Mit jährlich rund 300.000 Besuchern ist der Alpenzoo die größte landeskulturelle Einrichtung Tirols. Als Arbeitgeber sichert er dauerhaft Arbeitsplätze für rund 30 Mitarbeiter*innen.
Website: Alpenzoo Innsbruck – 2.000 Tiere der Alpen erleben | Tirol
LinkedIn: (25) Alpenzoo Innsbruck: Übersicht | LinkedIn
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