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Unternehmertum gilt als emotionale Achterbahn: Euphorie nach dem Großauftrag, schlaflose Nächte vor der nächsten Zahlungsfrist. Doch dieses Bild greift zu kurz. Unternehmer:innen gestalten die nachhaltige Transformation mit. Sie tragen Verantwortung für Arbeitsplätze, Innovation und regionale Wertschöpfung. Ihr Wohlbefinden ist deshalb keine Privatsache, denn wer ausgebrannt ist, kann kaum nachhaltig führen. Eine aktuelle Studie der Universität für Weiterbildung Krems blickt hinter die Schwankungen und zeigt: Nicht nur Arbeitsmenge und Bürokratie belasten, sondern auch moralische Dilemmata, Konflikte und Widersprüche zu den eigenen Werten. Krisen können aber auch zum Wendepunkt werden. Was macht den Unterschied?
In ausführlichen Fokusgruppengesprächen gaben 30 Unternehmer:innen und Top-Führungskräfte österreichischer Unternehmen Einblick in ihren Alltag, vom Ein-Personen-Unternehmen bis zum Betrieb mit rund 4.000 Mitarbeitenden, vom Start-up bis zum Familienunternehmen mit Wurzeln im 17. Jahrhundert. Sie nannten 112 freudvolle Aspekte, die ihr unternehmerisches Leben bereichern („Gain Points“) und 129 unerfreuliche, die es erschweren („Pain Points“).
Die Freude ist dabei fast immer hausgemacht: Sie entsteht aus eigener Initiative und eigenem Handeln, etwa durch begeisterte Kunden, ein erfolgreiches Projekt oder ein Team, das zusammenhält. Bei den Ärgernissen und Belastungen sieht das anders aus: Rund ein Viertel geht auf äußere Einflüsse zurück, allen voran Bürokratie und Regulierungen sowie das Gefühl, in der Gesellschaft negativ wahrgenommen zu werden.
Zwei von drei Befragten berichteten von Stress- oder Gesundheitsproblemen: Schlafstörungen, Bluthochdruck, Panikattacken. Vier erlebten einen Burnout oder standen kurz davor. Auffällig: Mehrere hatten ihre Arbeit gern gemacht, sich voll engagiert und frühe Warnsignale überhört. Erst körperliche Symptome und Rückmeldungen von außen zeigten ihnen, dass sie über ihre Grenzen gegangen waren. Eine Person bringt es auf den Punkt: „Es waren nicht 40 Stunden, es waren 100, und ich habe mir nichts dabei gedacht. Dein Körper gibt dir dann die Antwort.”
Die Studie folgt einem eudaimonischen Verständnis von Wohlbefinden.1 Es geht nicht allein um gute Stimmung, sondern um Sinn, Wachstum und ein Leben im Einklang mit sich selbst. Sechs Dimensionen sind dabei maßgeblich: Exzellenz und Meisterschaft, Beziehungen, Sinn, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und persönliches Wachstum sowie Selbstakzeptanz. Was sich zeigt: Alle sechs sind wichtig, doch bei jeder Person stehen meist ein bis zwei im Zentrum. Wie ein „Container“ fangen sie das Erlebte auf, machen es begreifbar und ordnen es in die eigene Geschichte ein. Ein Streit mit einem Geschäftspartner etwa ist für die eine bloß ärgerlich. Für den anderen, dem Beziehungen alles bedeuten, rüttelt er am Fundament.
Eine zentrale Erkenntnis: Was das Wohlbefinden am stärksten trägt, macht zugleich am verletzlichsten. Für sinnorientierte Unternehmer:innen etwa ist gesellschaftliche Wirkung eine besondere Quelle der Erfüllung. Bleibt die erhoffte Wirkung aus oder identifizieren sie sich zu stark mit ihrer Mission, kann das zu großer Frustration bis hin zu psychischen Problemen führen.
Hier kommt die zweite Funktion der zentralen Dimensionen ins Spiel. Sie wirken auch als „Converter“, der Erlebtes „verwandelt“. Das folgt einem typischen Muster: Kurzfristig beeinträchtigen Krisen das Wohlbefinden. Durch Bewältigungsprozesse (Reflexion, externe Unterstützung, Umdeutung, Neuorientierung) wird die Belastung schrittweise abgebaut. Langfristig entstehen daraus neue Klarheit, innere Stärke und ein neues Selbstverständnis, was die zentralen Dimensionen stärkt. Ein Beispiel: Nach den Corona-Lockdowns musste ein Unternehmer Mitarbeitende kündigen und erlitt kurz darauf ein Burnout. Der Weg zurück führte über Klinik, Reha, einen veränderten Lebensstil und eine strukturelle Neuaufstellung des Unternehmens. Rückblickend sieht er im Burnout den Bruch mit tief verankerten Überzeugungen über Verantwortung und Kontrolle: „Es musste passieren, um sie aufzubrechen.“ Heute schöpft er neue Energie aus den gestalterischen Seiten seiner Arbeit und schätzt die Sorgfalt seines Teams. Sinn, Selbstverwirklichung und persönliches Wachstum sind gestärkt.
Die Studie deutet auf einen Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und verantwortungsvollem Handeln hin: Welche Dimension für Unternehmer*innen zentral ist, prägt, wie sie Verantwortung leben. Beziehungsorientierte investieren etwa in das Unternehmenskultur, Sinnorientierte in soziale oder ökologische Wirkung. Diese Ambitionen geben Kraft, machen aber auch verletzlich: Wo Regulierungen oder ein negatives gesellschaftliches Bild wertekonformes Handeln blockieren, entsteht ethische Dissonanz.
Der Blick hinter die Achterbahn zeigt: Das Wohlbefinden von Unternehmer:innen entsteht nicht aus guter Laune, sondern aus einer Stimmigkeit mit dem, was sie intrinsisch erfüllt und ihnen wichtig ist. Genau diese Quellen sind zugleich die empfindlichsten Stellen. Krisen müssen kein Ende sein. Mit Reflexion und Rückhalt können sie zum Wendepunkt werden. Und: Wohlbefinden prägt, wie Unternehmer:innen Verantwortung leben. Wer nachhaltiges, wertebasiertes Unternehmertum fördern will, muss Wohlbefinden deshalb mitdenken – mit Unterstützungsangeboten und Reflexionsräume, die nicht nur Stress senken, sondern auch Sinn und Identität ansprechen, und mit einem Umfeld, das verantwortungsvollem Unternehmertum Wertschätzung entgegenbringt.
Hinweis: Der ganze Artikel zur Studie ist im Journal of Sustainable Business erschienen und hier Open Access downloadbar: https://link.springer.com/article/10.1186/s40991-026-00149-2
Dr. Marisa Mühlböck leitet das Zentrum für Unternehmerische Nachhaltigkeit an der Universität für Weiterbildung Krems und forscht zu Unternehmertum und Wohlbefinden als Faktor nachhaltiger Transformation. Als ehemalige Sozialunternehmerin kennt sie das Unternehmerleben aus eigener Praxis. Mit gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung beschäftigt sie sich seit über 20 Jahren.
Das Zentrum für Unternehmerische Nachhaltigkeit an der Universität für Weiterbildung Krems erforscht Unternehmertum in seiner Vielfalt, von der Gründung bis zur Nachfolge, vom Einzelunternehmen bis zum Konzern. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Wohlbefinden von Unternehmer:innen und Führungskräften als Faktor nachhaltigen Wirtschaftens, im engen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/marisa-m%C3%BChlb%C3%B6ck/
Website: www.donau-uni.ac.at/de/zun
Quellen: Von griechisch eudaimonía, meist übersetzt als „gelingendes Leben“. Die Psychologie grenzt eudaimonisches von hedonischem Wohlbefinden ab, das auf positive Gefühle und Zufriedenheit zielt, siehe z.B. Ryff, C. D., & Singer, B. H. (2008). Know thyself and become what you are: A eudaimonic approach to psychological well-being. Journal of Happiness Studies, 9(1), 13–39. https://doi.org/10.1007/s10902-006-9019-0
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