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22. April 2026

Industrie ohne Erdgas: Dekarbonisierung in der Praxis

Wie ein Industriebetrieb Klimaschutz ganzheitlich denkt: Warum der Ausstieg aus fossilem Erdgas nur ein Schritt ist, und welche systemischen Hebel Unternehmen wirklich voranbringen. Das erfahren Sie im Gastbeitrag von Josef Keplinger, Head of Quality, Employee Safety & Environment bei der Silhouette Group.

Josef Keplinger, Silhouette Group

Die Dekarbonisierung der Industrie entscheidet sich nicht in Strategiepapieren, sondern in der Produktion. Genau dort zeigt sich, ob Klimaschutz tatsächlich wirkt und ob er gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig ist.

 

Viele Unternehmen wissen, was theoretisch in Sachen Klimaschutz zu tun wäre. Die Herausforderung liegt darin, die richtigen Hebel zu identifizieren und konsequent umzusetzen, ohne Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Emissionen entstehen nicht an einer isolierten Stelle, sondern entlang der wesentlichen Treiber wie Energie, Materialien und Prozessen und genau dort liegen auch die größten wirtschaftlichen Risiken und Chancen.

 

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob gehandelt wird, sondern wie strategisch die Transformation gedacht ist. Die Silhouette Group hat diesen Weg bewusst gewählt und Klimaschutz als Teil ihrer wirtschaftlichen Zukunftssicherung verankert.

 

Transformation erfordert klare Prioritäten

 

Ein verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, Transformation könne schrittweise neben bestehenden Strukturen erfolgen. In der Praxis führt dieser Ansatz oft dazu, dass alte und neue Systeme, mit entsprechend höheren Kosten und zusätzlicher Komplexität, parallel betrieben werden.

 

Wer Emissionen nachhaltig reduzieren will, muss Bestehendes gezielt ersetzen. Für Industrieunternehmen bedeutet das, fossile Energie zu eliminieren, Prozesse auf erneuerbare Energien umzustellen, Materialien neu zu denken und damit gleichzeitig Abhängigkeiten zu reduzieren und Effizienzpotenziale zu heben.

 

Auch bei der Silhouette Group zeigt sich dieses Bild klar. Während Scope 1 und 2 stark durch Energie geprägt sind, liegen wesentliche Emissionstreiber in Scope 3 – etwa in Materialien, Lieferketten und Mobilität.

 

Erdgasausstieg als echter Systemwechsel

 

Vor diesem Hintergrund wurde am Standort Linz ein zentraler Hebel adressiert. Mit April 2026 ist die Brillenproduktion vollständig frei von fossilem Erdgas. Dieser Schritt ist das Ergebnis eines zweijährigen Transformationsprozesses. 2025 wurde ein zentraler Emissions-Hotspot – die thermische Nachverbrennung in der Lackiererei – von einer gasbetriebenen auf eine elektrische Lösung umgestellt. Dadurch werden jährlich rund 363 MWh Erdgas eingespart und etwa 85 Tonnen CO₂ vermieden. Mit der Umstellung der letzten gasbeheizten Halle im Jahr 2026 gelingt eine zusätzliche Einsparung von rund 70 MWh Erdgas und etwa 18 Tonnen CO₂.

 

Entscheidend ist dabei die Grundlage der Elektrifizierung. Sie entfaltet ihre Wirkung nur in Kombination mit lokaler erneuerbarer Energie. Eigene Photovoltaikanlagen liefern einen wachsenden Anteil des Strombedarfs, ergänzt durch den konsequenten Bezug von 100 % erneuerbarem Strom. So werden fossile Energieträger nicht nur ersetzt, sondern strukturell aus dem System entfernt.

 

Der Verzicht auf fossile Energie ist damit nicht nur eine ökologische Entscheidung, sondern auch eine wirtschaftliche. Elektrifizierung auf Basis erneuerbarer Energie reduziert die Abhängigkeit von volatilen Gaspreisen, stabilisiert Energiekosten und verringert Risiken aus regulatorischen Entwicklungen und CO₂-Bepreisung. Der Erdgasausstieg stärkt nicht nur die Klimabilanz, sondern auch die Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

 

Über Energie hinaus gedacht

 

Der Ausstieg aus fossiler Energie ist ein zentraler Schritt, aber er allein reicht nicht aus. Ein erheblicher Teil der Emissionen entsteht außerhalb der eigenen Produktion. Materialien und Lieferketten sind zentrale Treiber, sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich. Preisschwankungen, Verfügbarkeiten und regulatorische Anforderungen wirken direkt auf das Geschäftsmodell.

 

Die Silhouette Group setzt deshalb parallel auf die Weiterentwicklung ihrer Produkte und Materialien. Der Einsatz bio-zirkulärer Kunststoffe reduziert nicht nur den CO₂-Fußabdruck, sondern schafft auch neue Unabhängigkeiten von fossilen Rohstoffen und deren Preisentwicklungen.

 

Mit diesem Ansatz erweitert sich der Fokus von Unternehmen konsequent über Energie hinaus. Emissionen werden reduziert und gleichzeitig wird die Stabilität der Wertschöpfung erhöht. Genau darin liegt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

 

Die Rolle von Standards: Von der Bilanz zur Wirkung

 

Um Fortschritt nicht nur zu erreichen, sondern auch steuerbar zu machen, braucht es belastbare Systeme. Diese schaffen Transparenz, Vergleichbarkeit und damit auch eine Grundlage für fundierte wirtschaftliche Entscheidungen. Die CO₂-Bilanzierung nach ISO 14064-1 liefert dafür die Basis. Sie macht sichtbar, wo Emissionen entstehen und wo Investitionen die größte Wirkung entfalten. Auch die Silhouette Group nutzt diese Grundlage, um ihre Emissionen systematisch zu erfassen und gezielt zu steuern. Mit der der zusätzlichen Verifizierung nach ISO 14068-1 wird dieser Ansatz konkretisiert. Unternehmen müssen nicht nur erfassen, sondern nachweisen, wie sie Emissionen reduzieren und welche Maßnahmen tatsächlich wirken.

 

Dabei gilt das klare Prinzip Emissionen vorrangig zu reduzieren und nur dort zu kompensieren, wo sie nach aktuellem Stand der Technik nicht vermeidbar sind. Das schafft Klarheit – intern für Investitionsentscheidungen und extern gegenüber Kund:innen, Partner:innen und Regulatorik.

 

Standards werden damit zu einem Instrument, das nicht nur die Glaubwürdigkeit stärkt, sondern auch Risiken reduziert und die Grundlage für strategische Steuerung bildet.

 

Vom Einzelprojekt zur Transformationslogik

 

Aus der Kombination dieser Maßnahmen entsteht eine Struktur, die über einzelne Projekte hinausgeht und sich als strategischer Ansatz etablieren lässt.

 

ISO 14064-1

  1. Messen
  2. Hotspots identifizieren

ISO 14086-1

  1. Gezielt investieren
  2. Wirkung nachweisen
  3. Skalieren

Der Erdgasausstieg oder die bio-zirkuläre Materialinnovation sind keine isolierten Projekte, sondern Teil einer Logik, die ökologische und wirtschaftliche Ziele miteinander verbindet. Genau darin liegt die Übertragbarkeit auf andere Unternehmen.

 

Fazit

 

Die Transformation der Industrie entscheidet sich an den größten Hebeln – dort, wo Emissionen, Kosten und Risiken zusammenfallen. Genau hier entsteht auch der größte unternehmerische Nutzen.

 

Klimaschutz wird dann wirksam, wenn er konsequent umgesetzt und strategisch gesteuert wird. Wer diesen Weg geht, reduziert nicht nur Emissionen, sondern stärkt gleichzeitig Resilienz, Planungssicherheit und Differenzierung im Wettbewerb.

 

Über den Autor

DI (FH) Josef Keplinger, MSc ist Head of Quality, Employee Safety & Environment bei der Silhouette Group. In dieser Funktion verantwortet er unter anderem das Umwelt- und Klimamanagement sowie die strategische Weiterentwicklung der Dekarbonisierung im Unternehmen.

 


 

Über das Unternehmen

Die Silhouette Group mit Hauptsitz in Österreich ist ein weltweit führender Hersteller von Premiumbrillen mit ~1.300 Mitarbeitenden. Das Familienunternehmen ist Marktführer bei randlosen Brillen und in über 100 Ländern vertreten. Seit 2017 bietet es als Komplettanbieter Fassungen und Gläser aus einer Hand – Made in Austria. In der Branche ist es als einziger Hersteller EMAS-zertifiziert.

 

Silhouette Group LinkedIn: linkedin.com/company/silhouette/

Silhouette Group Unternehmenswebsite: https://silhouette-group.com

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